Es liegt in der Familie. Marion Maréchal-Le Pen zieht sich aus dem FN zurück.

12.05.2017 | faz.net

Es liegt in der Familie
Marion Maréchal-Le Pen zieht sich aus dem FN zurück.
Von Michaela Wiegel

PARIS, 11. Mai. Es war ein sehr persönlich gehaltener Brief, mit dem sich die Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen von ihren „Landsleuten und Freunden“ verabschiedete. „Seit fast drei Jahren ist mir eine Seele anvertraut. Ich habe meiner kleinen Tochter in diesen so kostbaren ersten Jahren sehr gefehlt. Ich habe sie auch schrecklich vermisst“, schrieb die Enkelin des Front-National-Gründers Jean-Marie Le Pen. „Für mich ist es entscheidend, dass ich ihr mehr Zeit widmen kann“, fügte die 27 Jahre alte Mutter hinzu, die seit geraumer Zeit getrennt vom Vater, dem Werbeagenturmanager Matthieu Décosse, lebt. Die Scheidung nach zwei Jahren Ehe ist seit Ende vergangenen Jahres amtlich. „Fahnenflucht!“, wetterte der alte Patriarch Le Pen nach dem Brief seiner Enkelin. Eine Le Pen könne sich nicht so einfach aus der Politik zurückziehen, meinte er erbost. Doch seine Enkelin bleibt dabei: Sie wird bei den Parlamentswahlen im Juni nicht kandidieren und auch ihr Mandat im Regionalrat der Mittelmeerregion Provence-Alpes-Côte d’Azur (Paca) niederlegen. Den Sitzungen der Führungsgremien des Front National (FN) wird sie künftig fernbleiben.

Marechal

Zieht sich aus der Politik zurück:Marion Maréchal-Le Pen

Die zarte, blonde Frau steht dem Parteigründer politisch viel näher als Marine Le Pen. Über den Bruch ihrer Tante mit ihrem Großvater hat sie sich nie freimütig geäußert, aber es heißt, sie habe das Vorgehen als brutal und demütigend empfunden. Marions Mutter ist Yann Le Pen, die mittlere der drei Schwestern. Marion wurde von ihrem Stiefvater Samuel Maréchal adoptiert. Als Teenager erfuhr sie, dass ihr leiblicher Vater der inzwischen verstorbene Diplomat und Journalist Roger Auque ist. Sie wurde geprägt durch ihre Schulzeit an einer Schule der Pius-Bruderschaft in Saint-Cloud bei Paris: Messen in Latein, Schuluniform, strikte Geschlechtertrennung gehörten zu ihrem Alltag. Im Sommer 2015 erregte sie Aufsehen, weil sie als erste Front-National-Repräsentantin zu einer Sommeruniversität der katholischen Kirche in einem Kloster bei Saint-Baume in Südfrankreich eingeladen wurde. Das galt damals als Tabubruch. Maréchal-Le Pen zog damit im Süden die traditionalistische katholische Wählerschaft an. Sie steht für einen gesellschaftspolitisch konservativen Kurs und hat sich wiederholt gegen die Homosexuellen-Ehe und von der staatlichen Krankenkasse finanzierte Abtreibungen ausgesprochen. Ihre Ablehnung der Einwanderung begründet sie zivilisatorisch und steht damit intellektuell den Theorien Renaud Camus’ über die Gefahren eines „großen Bevölkerungsaustausches“ („Le grand remplacement“) nahe. Auch in der Wirtschaftspolitik ist sie der liberalen Linie ihres Großvaters treu geblieben und hat mit den linkslastigen, staatsgläubigen Wirtschaftsversprechen ihrer Tante stets gehadert. Wiederholt hat sie gegen die „Frexit-Strategie“ des FN-Chefideologen Florian Philippot aufbegehrt. Von ihrer Tante konnte sie sich nicht unterstützt fühlen. Diese stärkte Philippots Machtposition in der Partei. Am 10. April kanzelte Le Pen ihre Nichte in der Zeitschrift „Femme actuelle“ ab: „Sie ist zu jung, um einer Regierung anzugehören, wenn uns der Machtwechsel gelingt.“ Die Zurückweisung soll die junge Frau schwer getroffen haben.

Über die privaten Gründe hinaus sind es diese Differenzen über den politischen Kurs, die Maréchal-Le Pens Rückzug erklären. An Hinweisen auf das Zerwürfnis mangelte es nicht. Eine Schlüsselszene spielte sich im Abgeordnetenbüro der Politikerin in ihrem Wahlkreis in Carpentras nahe Avignon ab. Am 3. Mai hatten sich hier einige ihrer Anhänger und Mitarbeiter versammelt, um gemeinsam das Fernsehduell anzuschauen. Die Stimmung war freudig, bis Marine Le Pen zu ihren aggressiven Tiraden gegen Emmanuel Macron anhob. Maréchal-Le Pen, so haben es mehrere Augenzeugen berichtet, soll zunehmend irritiert die rüpelhaften Angriffe ihrer Tante verfolgt haben. Bald schon hielt sie es nicht mehr aus – lange vor Ende der Fernsehdebatte verließ sie die Parteifreunde. Am nächsten Tag war sie eine der Ersten, die in der Presse ihr Bedauern über die Art der Debatte äußerten. Dem FN-Wahlabend am 7. Mai im Chalet du Lac de Vincennes in Paris, bei dem sich Marine Le Pen zu später Stunde beim Tanzen aufnehmen ließ, blieb sie fern.

Ihr politischer Rückzug lässt einen gewichtigen Teil der traditionellen FN-Wählerschaft führungslos. Die Mittelmeerregion Paca hatte der alte Le Pen zu einer Hochburg ausgebaut, weil er geschickt enttäuschte rechte Wähler umworben hatte, denen die Republikaner und deren Vorgängerparteien in der Einwanderungs- und Sicherheitspolitik zu lasch waren. Anders als im strukturschwachen Norden, wo Marine Le Pen sich in einstigen Arbeiterwohnvierteln ihr eigenes Stammland aufgebaut hat, haben die südlichen FN-Wähler nie mit der Linken geliebäugelt. Marine Le Pens augenfälliges Werben um die Wähler des linken Volkstribuns Jean-Luc Mélenchon befremdete hier. 2007 war es Nicolas Sarkozy mit seinem markigen Programm zur inneren Sicherheit gelungen, einen Großteil der FN-Anhänger zurückzuerobern. Auch deshalb schrillen jetzt bei den südlichen FN-Wortführern die Alarmglocken. Der Abgeordnete Gilbert Collard, der dank des FN 2012 in die Nationalversammlung einzog, forderte von Le Pen, sich endlich von ihrem Euroausstiegs-Kurs abzukehren. „Das Referendum über die Zukunft Europas ist am 7. Mai entschieden worden“, sagte er. Maréchal-Le Pen hat indessen betont, dass sie sich nur „vorübergehend“ aus der Politik zurückzieht. Der rechtsnationale Publizist Paul-Marie Couteaux sagte: „Ihre Zeit wird kommen.“

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